Wikimedia_Foundation Logo

"WIR GLAUBEN, DASS DAS INTERNET UND DAS WISSEN ALLEN GEHÖRT"

Interview mit DINAcon Keynote Speakerin Katherine Maher (CEO Wikimedia Foundation)

Katherine Maher

DINAcon: Was war deine letzte Wikipedia-Bearbeitung, die abgelehnt wurde?

Katherine Maher: In einem Artikel über die Karibik wurde eine Bearbeitung abgelehnt -ein anderer Redakteur und ich waren uns über den Tonfall eines Absatzes nicht einig. Trotz meiner Sichtweise über den Ton schätze ich, dass die Wikimedia Community leidenschaftlich daran interessiert ist, jede Bearbeitungsentscheidung zu diskutieren. Wir legen grossen Wert auf Genauigkeit, was uns darin bestärkt, eine unabhängige Informationsquelle zu sein.

Welche Wikipedia-Seite hat dich am meisten überrascht?

Wikipedia verändert sich ständig und ich tendiere dazu, die zufälligen und vergänglichen Dinge zu geniessen, die man nur auf Wikipedia findet. Ein Beispiel sind die "Listen von Listen von Listen". [1]. Auf der englischen Wikipedia gibt es einen Artikel über fiktive Staaten in den USA [2]. Darin werden Bundestaaten erfasst, die nicht wirklich existieren, die aber in Filmen, dem Fernsehen oder in Büchern erwähnt werden. Vor Kurzem erschien Wyoming auf dieser Liste, was überraschend war, denn Wyoming ist nun definitiv ein echter Staat in Amerika - ich weiss das, weil ich diesen Sommer gerade da war! Die Freiwilligen von Wikipedia behalten solche Dinge im Auge, so dass sie behoben werden, sobald sie entdeckt werden.

Wikipedia nimmt eine Pionierrolle im digitalen Zeitalter ein: öffentlicher und lizenzfreier Zugang zu Wissen, niedrige Hürden für die Teilnahme und eine Open-Source-Architektur. Welche Fallstricke bringt diese Offenheit mit sich?

Ich bin immer wieder fasziniert, wie oft ich gefragt werde, was mit dem Modell von Wikipedia nicht stimmt, anstatt darüber zu reden, warum es funktioniert. Schliesslich sind wir die fünftbeliebteste Webseite der Welt, wir verteidigen die Nutzerrechte und den Datenschutz, wir sind nicht kommerziell und wir tun dies mit weitaus weniger Ressourcen als andere grosse Webseiten. Offenheit ist keine Falle, sie ist das nicht sehr geheime Geheimnis unseres Erfolgs. Zwar stimmt es, dass wir uns langsamer bewegen und wir mit mehr Menschen verhandeln und beraten müssen. Das bedeutet aber auch, dass unsere Entscheidungen besser abgestützt sind, dass unsere Werte nachhaltiger sind und dass die Technologie, die wir bauen, für mehr Menschen funktioniert. Wir bewegen uns langsam, aber wir bauen Dinge, die Bestand haben. Allerdings glaube ich, dass wir die Verehrung der Offenheit mit konstruktiver Kritik betrachten müssen. Zu oft geht die Tech-Gemeinschaft davon aus, dass das, was für einen Standard oder ein Protokoll funktioniert auch für komplexe Sozial- und Governance-Systeme funktioniert. Aber Jahrzehnte offener Kultur haben nicht zu einer radikal integrativeren Welt geführt - vielmehr haben sie bestehende Vorurteile und Machtstrukturen weitgehend repliziert. Wir sollten offen sein, aber eine Absicht haben. Wir müssen uns fragen, ob unsere Strukturen in der offenen Gemeinschaft zu bestehenden Ungerechtigkeiten beigetragen oder sogar verstärkt haben.

Wikipedia hat sich zu einer vertrauenswürdigen Informationsquelle entwickelt. Das Vertrauen in Wissen und Wahrheit hat jedoch gelitten - insbesondere im Internet. Wie kann Wikipedia eine neutrale Version der Wahrheit garantieren?

Wir garantieren nicht die Wahrheit. Stattdessen streben wir danach, die bestmögliche Darstellung dessen zu bieten, was die Menschheit zu einem bestimmten Zeitpunkt weiss. Neutralität bedeutet für uns, Informationen unvoreingenommen zu präsentieren, damit Menschen ein Thema kennenlernen und ihr eigenes Verständnis entwickeln können. Wir wissen, dass sich Wikipedia ständig verändert. Deshalb ermutigen wir die Leute, kritisch zu lesen, die Zitate zu überprüfen und gegebenenfalls andere Quellen zu konsultieren.

Wikipedia geht ehrlich und transparent mit der Tatsache um, dass wir unvollkommen und unvollständig sind und wir arbeiten ständig daran, uns zu verbessern. Wir gehen nicht davon aus, dass die Menschen uns vertrauen werden. Stattdessen arbeiten wir ständig daran, ihr Vertrauen zu gewinnen. Wir glauben, dass wir in unseren 17 Jahren starke Prozesse entwickelt haben, die als Orientierungshilfe für die Bewertung von Informationen selbst unter schwierigen Umständen sehr dienlich sind. Aber es sind keine originellen Praktiken: wir haben unsere Fähigkeiten in den Bereichen Sourcing, Peer Review und kontinuierlicher Überprüfung aus dem Journalismus, der Wissenschaft und der Forschung abgeschaut. Unsere Community nimmt diese Praktiken ernst und das ist es, was die Wikimedia-Bewegung im globalen Wissens-Ökosystem ausmacht. Das macht uns nachhaltig und ich glaube, dass wir deshalb auch längerfristig bestehen werden.

Neben Wikipedia unterstützt und pflegt die Stiftung viele weitere Projekte wie Wikidata, die Wikiversity und Wikimedia Commons. Hunderttausende von Freiwilligen arbeiten an der Verbesserung der Plattformen. Freiwilligenarbeit war entscheidend für die Anfänge des Internets, gilt dies auch noch in Zukunft?

Freiwilligenarbeit spielte eine entscheidende Rolle im frühen, dezentralen Internet - aber in den letzten Jahren hat sich das Internet zu einem stärker zentralisierten Netzwerk entwickelt, mit mehr Macht, die von wenigen grossen Organisationen ausgeübt wird. Dies ist beunruhigend - das Versprechen des frühen Internets war, dass es ein partizipatives Projekt mit niedrigen Eintrittsschwellen ist, an dem jeder beitragen könnte. Wenn wir uns davon entfernen, bewegen wir uns weg von einem Netzwerk, das für Partizipation und für Menschen bestimmt ist und hin zu einem Netzwerk, das für Macht und Profit konzipiert ist.

Ich halte es jedoch nicht für sinnvoll, nostalgisch über das frühe Internet zu sein. Die meisten Menschen, die heute online sind, haben keine Erinnerung daran - wie können Menschen etwas vermissen, das sie nie kannten? Ich denke, es ist hilfreicher, uns auf das zu konzentrieren, was eigentlich sein sollte: die Neubelebung eines egalitären Netzwerks für das Lernen und die Partizipation.

In einem partizipativen und integrativen Netzwerk gibt es Platz für ExpertInnen und Amateure, Professionelle und Ehrenamtliche. Bei Wikimedia anerkennen und feiern wir die wichtige Rolle, die Freiwillige beim Aufbau der digitalen Commons (Allgemeingüter) spielen. Hunderttausende von Freiwilligen bringen Zeit, Wissen und Begeisterung bei Wikimedia ein, weil wir glauben, dass das Internet und das Wissen allen gehört.

Welche Trends im Wikimedia-Universum begeistern dich am meisten?

Ich bin unendlich begeistert von der unglaublichen Wikimedia-Community. Bei der Wikimedia Foundation sind wir uns bewusst, dass die interessantesten Initiativen und Innovationen oft da auftauchen, wo man sie am wenigsten erwartet. Die Community führte die ersten Partnerschaften mit kulturellen Institutionen ein, sie sind auch für die Erstellung von Wikidata verantwortlich. Diese beiden Bemühungen sind heute für unsere Arbeit von enormer Bedeutung.

Ich habe gerade die Wikimedia-Communities in Südamerika besucht, wo ich Beispiele für diese Kreativität in Aktion sah. Der argentinische Kongress hat sich in jüngster Zeit mit heftigen und kontroversen Debatten über die Rechte der Frauen beschäftigt. Die Debatten im Parlament wurden vom unabhängigen Wikimedia Argentina Verein verfolgt, welcher relevante Wikipedia-Artikel und Fakten über ihre Social-Media-Kanäle teilte. Die Kampagne hiess #Wikipediaendebate (Wikipedia in der Debatte). Für 27 Stunden analysierten mehr als 190 Community Mitglieder ununterbrochen die Reden der politischen VertreterInnen, identifizierten Schlüsselinhalte und verglichen sie mit Wikipedia-Artikeln [5] Sie erstellten eine Liste mit den benötigten Ressourcen um sich an der Debatte zu beteiligen und organisierten eine Redaktion um sicherzustellen, dass die entsprechenden Wikipedia-Artikel von guter Qualität waren. Sie haben sich nicht auf eine Seite geschlagen, sondern die informierte Entscheidungsfindung unterstützt, welches schliesslich das Herzstück einer wirklich offenen Gesellschaft ist.

Wikidata ist die Datenbank des freien Wissens. Welche Möglichkeiten bietet die Verknüpfung von offenen Daten?

Verlinkte offene Daten (Linked Data) sind ein kritischer Teil der Zukunft des freien Wissens. Linked Data schafft zwischen Konzepten und Sprachen Verbindungen, die mit unstrukturiertem Text einfach nicht möglich sind. Mit mehr als 50 Millionen Einträgen (und einem schnellen Wachstum) [6] ist Wikidata das Rückgrat für strukturierte Informationen zwischen den Wikimedia-Projekten. Wikidata macht Informationen leichter auffindbar: somit können wir komplexe Abfragen durchführen, Erkenntnisse aus den Zusammenhängen von Ideen und Konzepten gewinnen und Wissen ausserhalb des Wikimedia-Ökosystems vermitteln.

So werden beispielsweise die Bilder und Medien in Wikimedia Commons derzeit nur durch informelle und oft inkonsistente Quellenangabe beschrieben. Dieser Umstand macht es schwierig, Dinge zu finden oder zu vergleichen; oft wird ein Bild von seiner Quelle oder seiner ursprünglichen Institution getrennt. Die Wikimedia Foundation hat mit Wikimedia Deutschland, dem unabhängigen gemeinnützigen Verein zur Unterstützung der Wikimedia-Projekte in Deutschland, eine Partnerschaft geschlossen, um Wikidata auf der Basis von gemeinsamen Standards in Wikimedia Commons zu integrieren. Dadurch wird die Suche von Wikimedia Commons im restlichen Web und die Integration in die Sammlungsdatenbanken von Archiv- und Kultureinrichtungen auf der ganzen Welt erleichtert. Diese gemeinsame Struktur und Architektur wird es Menschen und Institutionen letztendlich ermöglichen, hochwertige und kostenlose Bildungsinhalte zu teilen, zugänglich zu machen und wiederzuverwenden.

Wie würdest du den Beitrag der Wikimedia Foundation zur Nachhaltigkeit der digitalisierten, globalen Gesellschaft beschreiben?

Die Wikimedia Foundation ist Teil einer viel grösseren Wikimedia-Bewegung, die AutorInnen, NutzerInnen und unabhängige Sektionen auf der ganzen Welt umfasst. Unser gemeinsames Versprechen ist es, eine Welt aufzubauen, in der jeder Mensch am Wissen teilhaben und es nicht nur konsumieren kann. In diesem Sinne befürworten und bauen wir auf mehr Offenheit, mehr Austausch, ein reicheres Gemeinwesen und die Bereitstellung von mehr Wissen für mehr Menschen.  Unser globaler Einfluss ist enorm: Wikipedia ist die fünft beliebteste Website der Welt mit mehr als 45 Millionen Artikeln in rund 300 Sprachen, die jeden Monat von rund 1,5 Milliarden NutzerInnen Geräten besucht werden.

Aber unser lokales Wirken ist ebenso bedeutend. Jede der unabhängigen Wikimedia-Vereine ist eng mit den Gemeinschaften verbunden, denen sie dienen. So lanciert beispielsweise Wikimedia Schweiz eine neue Zertifizierung und ein Programm für lebenslanges Lernen. Durch die Nutzung von Wikipedia und anderen Wikimedia-Projekten helfen sie Menschen, die Hard- und Soft- Skills zu stärken, die in der heutigen beruflichen Umgebung immer wichtiger werden - zum Beispiel kritisches Denken, Kommunikation, Kreativität und Zusammenarbeit.

Verweise

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_lists_of_lists

[2] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_fictional_states_of_the_United_States

[3] http://www.markgraham.space/blog/the-geography-of-wikipedia-edits

[4] https://www.hbs.edu/faculty/Pages/item.aspx?num=51779

[5] https://meta.wikimedia.org/wiki/Grants:APG/Proposals/2017-2018_round_1/Wikimedia_Argentina/Progress_report_form

[6] https://m.wikidata.org/wiki/Wikidata:Main_Page

Das Interview wurde auf Deutsch übersetzt. Hier gelangen Sie zur Originalversion.

© DINAcon 2018 Konferenz für digitale Nachhaltigkeit am Freitag, 19. Oktober 2018 im Welle7 Workspace in Bern

Created by WebBee

DINAcon_Logo_web_white_long